Alte und gefährdete Rinderrassen in Deutschland - wieder jung

Hans Wieland, Mainhardt

Ein altes Sprichwort besagt, daß das was wir anbeten von uns zerstört wird und das Zerstörte wiederum von uns angebetet wird.

Die Menschen haben in der langen Zeit seit der Domestikation des Rindes die Tiere nach ihren Bedürfnissen und ihren Vorstellungen selektiert, sodaß zu jedem Kirchturm seine eigene Rasse gehörte.

Nicht nur als Zugtiere, Milch- und Fleischlieferant, sondern auch zur Belustigung (z.B. Stierkampf) waren und sind die jeweiligen Züchtungen Ergebnisse menschlichen Wirkens. Längst sind viele dieser Rassen und Schläge ausgestorben, von den meisten Tierzuchtfachleuten und Bauern billigend in Kauf genommen. Wer weiß noch, daß es ein genetisch hornloses Oldenburger Vieh, Oberpfälzer Rotvieh oder das Teckvieh, um nur einige dieser unwiederbringlich verschwundenen Spezies zu nennen, je gab.

Der bedingungslosen Verbundenheit einiger weniger Züchter und Tierhalter und der Erkenntnis verantwortlicher Tierzuchtbeamter gegenüber der Natur und der Vielfalt ist es überhaupt zu verdanken, daß wir heute noch deutsche Lokalrassen haben, und in den meisten Fällen mit zunehmender Populationsdichte.

Selbstverständlich müssen wir erkennen, daß eine heute noch existierende, alte Rinderrasse in der Regel nicht mehr wie vor fünfzig, siebzig oder hundert Jahren genutzt werden kann. Der damals oftmals so wichtige Faktor Arbeit ist nicht mehr gefragt. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, daß es z.B. beim Roten Höhenvieh und bei den Limpurger Rindern wieder sehr gut trainierte Kuhgespanne vorhanden sind. Bleibt heutzutage also nur die Milch- und Fleischnutzung.

Zur Zeit ist das Überleben dieser noch vorhandenen Rassen ebenfalls noch in der Landschaftspflege möglich - eine Aufgabe, die mit den ursprünglichen Nutzungen offen gestanden nichts zutun hat. Dennoch besteht für diese Rassen gerade dort eine Chance, zumal sie für diese Aufgaben genauso prädestiniert sind wie entsprechende teure Importerassen, die leider wegen ihrer exotischen Wirkung immer noch bevorzugt werden. Allerdings sollten hier die speziellen Eignungen für bestimmte Standorte beachtet werden, die durch die Gegebenheiten in ihrem jeweiligen Ursprungsgebiet maßgeblich beeinflußt wurden. So sollte z.B. ein Hinterwälder Rind nicht zur Pflege norddeutscher Deiche eingesetzt werden.

Wünschenswert ist und bleibt, daß unsere alten und vom Aussterben bedrohten Rassen weiterhin in der bäuerlichen Landwirtschaft ihre Aufgabe mit zunehmender Tendenz erfüllen.

© 1994 Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen e.V. (GEH)